BIM im Reality Check: Wie weit kommen die Daten wirklich?
Warum Durchgängigkeit für Planung, Ausschreibung und Ausführung entscheidend istBIM wird in vielen Projekten eingesetzt – doch an den Übergängen zwischen Beteiligten, Softwarelösungen und Projektphasen entstehen weiterhin Medienbrüche. Entscheidend ist deshalb nicht allein, welche Informationen ein Modell enthält, sondern ob sie im weiteren Projektverlauf tatsächlich nutzbar bleiben. Mohamed Sherif, bei G&W im Bereich Kundenbetreuung und Support tätig, erläutert im Interview, wo die Praxis heute steht und was für durchgängige BIM-Prozesse erforderlich ist.
COMPUTER SPEZIAL (CS): Herr Sherif, wie fällt Ihr Reality Check für BIM aus? Wo stehen wir heute in der Praxis und wo liegen noch die größten Hürden für eine durchgängige Umsetzung?
Mohamed Sherif ist bei G&W im Bereich Kundenbetreuung und Support seit 2021 tätig. Sein Aufgabenschwerpunkt ist die Beratung und Unterstützung der „CaliforniaX“-Anwender im Bereich BIM.
Bild: G&W Software
Mohamed Sherif: Wir machen heute durchaus BIM – aber häufig noch nicht durchgängig über das gesamte Projekt. In einzelnen Arbeitsschritten kann BIM sehr gut funktionieren. Spannend wird es an den Übergängen zwischen Projektbeteiligten, Softwarelösungen und Projektphasen. Wenn mich jemand fragt, wo wir bei BIM heute wirklich stehen, stelle ich ihm eine einfache Gegenfrage: Wie weit kommt eine Information durch das Projekt?
Ein Modell kann viele wertvolle Informationen enthalten. Entscheidend ist jedoch, ob die nachfolgenden Beteiligten diese Daten ohne Medienbruch weiterverwenden können. Lassen sich daraus zuverlässig Mengen ermitteln, Kosten planen oder Leistungsverzeichnisse erstellen? Kommt die Information durch mehrere Arbeitsschritte, verschiedene Softwarelösungen und über mehrere Beteiligte hinweg oder endet die Reise schon an der nächsten Schnittstelle? Das ist für mich der eigentliche Reality Check. Wir sind heute ziemlich gut darin, BIM-Daten zu erzeugen. Aber ein gutes Modell allein sagt noch wenig darüber aus, wie weit die BIM-Daten ohne manuelle Eingriffe durch das Projekt getragen werden.
BIM wird heute bereits vielfach praktiziert, aber oft noch nicht durchgängig über das gesamte Projekt hinweg. Deshalb würde ich weniger fragen: Machen wir BIM? Sondern: Wie weit kommt eine einmal erzeugte Information durch das Projekt, bevor jemand sie wieder manuell aufbauen muss? Je weiter sie kommt und je mehr Beteiligte tatsächlich damit weiterarbeiten können, desto näher sind wir für mich an dem, was BIM eigentlich verspricht.
CS: Wo sehen Sie derzeit die größten Unterschiede beim Umgang mit BIM-Daten zwischen den Projektbeteiligten, etwa zwischen Architekten, Fachplanern, öffentlichen Auftraggebern und ausführenden Unternehmen?
Mohamed Sherif: Die größten Unterschiede sehe ich weniger in der grundsätzlichen Einstellung zu BIM als in den unterschiedlichen Rollen und den daraus entstehenden Anforderungen und Erwartungen an die BIM-Daten. Architekten und Fachplaner arbeiten meistens sehr nah am Modell. Sie erzeugen und bearbeiten einen großen Teil der Daten und nutzen sie für Planung und Koordination. Öffentliche Auftraggeber stehen häufig auf einer anderen Seite: Sie müssen festlegen, welche Informationen geliefert werden sollen, in welcher Qualität und zu welchem Zeitpunkt. Gleichzeitig haben sie ein Interesse an nutzbaren Betriebsdaten, auch wenn die geforderten Informationen nach Projektende in der Praxis oft nicht systematisch weiterverwendet werden. Bei ausführenden Unternehmen steht dagegen stärker die konkrete Nutzung der BIM-Daten im Vordergrund. Sie werten die vorhandenen Informationen für bestimmte Anwendungsfälle aus, zum Beispiel für Mengenermittlung, Kalkulation, Arbeitsvorbereitung oder Bauausführung.
Ein BIM-Modell allein schafft noch keinen durchgängigen Prozess. Entscheidend ist, ob die enthaltenen Informationen auch in nachfolgenden Arbeitsschritten weiterverwendet werden können.
Bild: G&W Software
Weil der Umgang mit BIM-Daten so unterschiedlich ist, entstehen Reibungen. Was für den einen gut funktioniert, ist für den anderen oft nur eingeschränkt verwendbar. Und das fällt häufig erst auf, wenn die Daten schon gebraucht werden. Die Unterschiede beim Umgang mit BIM-Daten liegen deshalb auf mehreren Ebenen: Die Beteiligten arbeiten unterschiedlich intensiv und mit unterschiedlichen Teilen der Daten, sie brauchen sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten und für unterschiedliche Zwecke. Gleichzeitig unterscheiden sich BIM-Erfahrung, Vertrauen in die Daten und die Möglichkeiten, vorhandene Informationen im eigenen Prozess tatsächlich weiterzuverwenden. Weil jeder Beteiligte BIM aus seiner eigenen Perspektive erlebt, können am Ende zwei Personen aus demselben BIM-Projekt sagen: „Bei uns hat BIM gut funktioniert“ und „Mit den Daten konnte ich kaum arbeiten“. Und beide können recht haben.
CS: Wie verändert BIM die Zusammenarbeit zwischen Planung und Ausführung und welchen Beitrag können modellbasierte Daten dazu leisten, Abstimmungsaufwand, Interpretationsspielräume und mögliche Nachträge zu reduzieren?
Mohamed Sherif: BIM verändert die Zusammenarbeit zwischen Planung und Ausführung vor allem dadurch, dass Informationen nicht bei jedem Arbeitsschritt neu aufgebaut werden müssen. Im besten Fall kann die Ausführung mit den Informationen weiterarbeiten, die bereits in der Planung definiert sind. Ein einfaches Beispiel sind Mengen: Ohne einen durchgängigen BIM-Prozess ermittelt der Planer eine Menge, später misst der Ausschreibende vielleicht noch einmal nach und der Bieter oder Auftragnehmer rechnet ebenfalls nach. Kommen dabei unterschiedliche Ergebnisse heraus, beginnt die Abstimmung: Welcher Planstand wurde verwendet? Welche Bauteile wurden berücksichtigt? Wie wurden Öffnungen behandelt?
Mit BIM können diese Beteiligten im Idealfall auf eine gemeinsame Datengrundlage zurückgreifen, also auf eine Art „Single Source of Truth“. Informationen und Mengen werden dann nicht an verschiedenen Stellen immer wieder neu ermittelt und miteinander abgeglichen, sondern aus derselben Grundlage weiterverwendet. Das reduziert den Abstimmungsaufwand und vermeidet unterschiedliche Informationsstände. Auch bei der Ausschreibung kann die Verknüpfung von LV, Mengen und Modell mehr Transparenz schaffen. Wenn nachvollziehbar ist, auf welche Bauteile sich eine Position bezieht und wie die Menge zustande kommt, gibt es weniger Raum für unterschiedliche Interpretationen.
Das kann sich auch auf Nachträge auswirken. Allerdings muss man hier unterscheiden. BIM verhindert Nachträge nicht automatisch. Es macht aber viele der typischen Ursachen früher sichtbar und damit verhandelbar, bevor sie auf der Baustelle eskalieren. Wird ein solches Problem bereits in der Planung oder Ausschreibung erkannt und geklärt, muss es nicht erst während der Bauausführung zum Problem und möglicherweise zum Nachtrag werden.
Am Ende hängen diese Vorteile an derselben Voraussetzung: einer gemeinsamen, konsistenten Datengrundlage. Wenn Planung und Ausführung auf denselben nachvollziehbaren Informationen aufbauen können, sinken Abstimmungsaufwand sowie Interpretationsspielräume und bestimmte Probleme können früher erkannt werden.
CS: Welche Voraussetzungen müssen Modelle erfüllen, damit sie auch für Ausschreibung, Vergabe, Abrechnung und Bauausführung nutzbar sind? Wo entstehen in der Praxis noch Medienbrüche?
Mohamed Sherif: Die wichtigste Voraussetzung ist für mich, dass vorher geklärt wird, wer die Informationen aus dem Modell später braucht, wann und wofür. Das kann der Modellierende nicht allein entscheiden. Die Beteiligten müssen gemeinsam festlegen, welche Informationen benötigt werden, wie sie strukturiert sein sollen und wer sie wann liefert. Für Ausschreibung und Vergabe müssen z. B. Bauteile, Mengen und Leistungen eindeutig zusammengeführt werden können. Wenn ich 500 m² einer bestimmten Wand ausschreibe, muss nachvollziehbar sein, aus welchen Bauteilen diese Menge entstanden ist und welche Leistung dazu gehört. Ein Modell ist also nicht deshalb gut, weil es möglichst viele Informationen enthält, sondern weil die für den jeweiligen Anwendungsfall benötigten Informationen vorhanden, richtig strukturiert und nutzbar sind.
Ob Planung, Ausschreibung oder Bauausführung: BIM-Daten müssen für unterschiedliche Beteiligte und Anwendungsfälle strukturiert und nachvollziehbar verfügbar sein.
Bild: G&W Software
Medienbrüche entstehen dort, wo diese Weitergabe nicht funktioniert. Ein IFC-Modell kommt bspw. in der AVA-Software an, die Bauteile lassen sich aber nicht sinnvoll den Leistungen zuordnen. Also wird manuell nachgearbeitet. Oder Mengen werden nach „Excel“ übertragen und dort unabhängig weitergeführt. Ändert sich das Modell, müssen die unterschiedlichen Stände wieder abgeglichen werden.
Ein weiterer kritischer Übergang entsteht in der Bauausführung. Wird ein As-Built-Modell benötigt, muss vorher klar sein, wer Änderungen ins Modell zurückführt und ob diese Leistung überhaupt beauftragt ist. In der Praxis ist das nicht immer geklärt. Dann wird digital an anderer Stelle weitergearbeitet, während das Modell auf dem Planungsstand bleibt. Medienbrüche entstehen deshalb nicht nur an technischen Schnittstellen, sondern vor allem dort, wo Verantwortlichkeiten und die Frage „Wer pflegt das Modell weiter?“ ungeklärt bleiben.
CS: Viele Büros arbeiten weiterhin mit etablierten AVA- und Projektprozessen. Wie gelingt der Übergang zu BIM-gestützten Workflows am besten?
Mohamed Sherif: Ich würde klein anfangen und einen Arbeitsschritt dann wirklich zu Ende digitalisieren. Nehmen wir die Mengenermittlung. Natürlich prüfe ich am Anfang die Mengen aus dem Modell noch gegen den bisherigen Prozess. Ich muss erst wissen, ob ich dem neuen Workflow vertrauen kann. Diese Doppelarbeit sollte aber eine Übergangsphase sein, kein Dauerzustand. Denn sonst passiert etwas Merkwürdiges: Man führt BIM für die Mengenermittlung ein und misst trotzdem weiter wie vorher. Der alte Prozess bleibt bestehen und der BIM-Prozess kommt zusätzlich dazu. Je mehr BIM man einführt, desto mehr Arbeit hat man.
Deshalb würde ich für den Einstieg einen klar abgegrenzten BIM-Anwendungsfall in einem überschaubaren Projekt wählen, z. B. bei einem Neubau. Eine gute Möglichkeit ist auch, den neuen Workflow zunächst an einem bereits abgeschlossenen Projekt zu testen. Dort kennt man die Ergebnisse schon und kann direkt vergleichen, ob der BIM-Prozess zuverlässig funktioniert, ohne gleich unter realem Projektdruck zu stehen.
Dabei darf man die Menschen natürlich nicht vergessen. Akzeptanz entsteht aus meiner Sicht nicht dadurch, dass ich Mitarbeitern erkläre, warum BIM wichtig ist. Sie entsteht vor allem dann, wenn sie im eigenen Arbeitsalltag merken: Der neue Prozess funktioniert zuverlässig und bringt ihnen einen konkreten Vorteil, z. B. weniger Doppelarbeit, mehr Planungssicherheit oder besser nachvollziehbare Entscheidungen. Für mich ist deshalb eine einfache Frage interessant: Welchen alten Arbeitsschritt können wir heute weglassen, weil der BIM-Prozess zuverlässig funktioniert? Wenn die Antwort „keinen“ lautet, würde ich erstmal dort ansetzen, bevor ich den nächsten BIM-Anwendungsfall einführe.
CS: Wie können Softwarelösungen dabei helfen, BIM-Daten für unterschiedliche Projektgruppen nutzbar zu machen?
Mohamed Sherif: Softwarelösungen können eine Brücke zwischen dem BIM-Modell und den unterschiedlichen Arbeitsprozessen im Projekt schaffen. Nicht jeder Beteiligte arbeitet direkt mit dem Modell und nicht jeder braucht dieselben Informationen. Software kann dafür sorgen, dass die jeweils relevanten Informationen im eigenen Arbeitsprozess genutzt werden können, ohne dass jeder Beteiligte selbst direkt mit dem BIM-Modell arbeiten muss.
Genau diese Durchgängigkeit ist auch ein wichtiger Ansatz bei G&W. Mit „CaliforniaX“ können Informationen aus dem BIM-Modell in die Kostenplanung, Ausschreibung und Vergabe übernommen und dort weiterverwendet werden. Bauteile und Mengen können mit Leistungen verknüpft werden, sodass die Zusammenhänge zwischen Modell, Mengen und Leistungsverzeichnis nachvollziehbar bleiben. Die Informationen müssen damit nicht an jeder Schnittstelle neu aufgebaut werden.
Damit komme ich wieder zu meinem Reality Check vom Anfang: Wie weit kommt eine Information durch das Projekt, bevor jemand sie wieder manuell übertragen, nachrechnen oder neu eingeben muss? Gute Software kann dafür sorgen, dass diese Strecke länger wird. Damit das funktioniert, müssen allerdings auch die Prozesse, Verantwortlichkeiten und Übergaben zwischen den Beteiligten klar geregelt sein.
