Im Gespräch mit Frau Dr. Prokop

Computer Spezial: Sie haben im Juni 2020 die Geschäftsführung im BVBS übernommen. Bitte stellen Sie sich kurz vor.

Dr. Ines Prokop: Ich bin Berlinerin durch und durch - hier wurde ich geboren und lebe seitdem bis auf wenige Unterbrechungen nahe der Innenstadt, zur Ingenieurbaugeschichte Berlins habe ich intensiv geforscht, promoviert und beim jüngst erschienenen ersten Berliner Ingenieurbauführer mitgeschrieben. Nach dem Bauingenieurstudium war ich viele Jahre als Tragwerksplanerin tätig und habe an zwei verschiedenen Hochschulen gelehrt. Danach konnte ich über sieben Jahre beim Verband Beratender Ingenieure Erfahrungen in der Verbändelandschaft der Baubranche sammeln und war beim VBI schließlich bis zum Frühjahr 2020 Geschäftsführerin für den technischen Bereich. 

Computer Spezial: Was reizt Sie an Ihrer Aufgabe, im Verband der Bausoftware zu arbeiten?

Dr. Ines Prokop: Bauen und Bauwerke sind seit Jahrzehnten meine Leidenschaft. Seitdem ich vor 30 Jahren eine Ausbildung zur Bauzeichnerin startete, hat sich durch die Digitalisierung insbesondere der Planungsprozess enorm gewandelt. Aber alles in allem stehen wir in der Baubranche vor vielen ähnlichen Fragestellungen wie in den 1990er Jahren zu meiner Studienzeit. Wie können wir ressourcenschonender, CO2-ärmer, effizienter und intelligenter Bauen, wie können wir den Bestand lange und gut weiter- und umnutzen, wie können wir die Lebenszykluskosten der Bauwerke optimieren. Alle Herausforderungen des Bauwesens laufen derzeit in der Digitalisierung zusammen. Neue digitale Methoden werden bestimmen, wie wir in Zukunft planen und bauen. Aber ein digitalisierter Planungs- und Bauprozess heißt nicht automatisch, besser zu bauen. Ich meine, wir dürfen bei der Digitalisierung die erwähnten Fragestellungen nicht aus den Augen verlieren. Das reizt mich an meiner neuen Tätigkeit beim BVBS. Verbandsarbeit ist Networking, um Menschen miteinander zu vernetzen und um die Dinge zu verbessern. Das finde ich immer wieder spannend.

Computer Spezial: Welche Schwerpunkte wollen Sie in der Verbandsarbeit beim BVBS setzen?

Dr. Ines Prokop: Im ersten Schritt habe ich die Verbandsverwaltung des BVBS durch Digitalisierung professionalisiert - damit der Verband genauso digital wie seine Mitglieder wird. 

Die Digitalisierung betrifft alle Bereiche des Bauwesens. Um die unterschiedlichen Akteure der Branche auf diesen Weg mitzunehmen, ist für mich der Austausch wichtig. Ich möchte den Dialog des BVBS mit den verschiedenen Verbänden der Branche intensivieren. Das ist unter den erschwerten Covid-19-Bedingungen natürlich derzeit nicht so einfach. Für bestimmte Themen und für Kickoff-Meetings mit mehreren Personen ist ein runder Tisch besser geeignet als die in den vergangenen Monaten viel geprobten Webmeetings. Ich merke, dass die Menschen ein starkes Bedürfnis haben, sich ergänzend zu Webkonferenzen auch wieder persönlich zu treffen.

Drei Arbeitskreise sind derzeit im BVBS aktiv – AK BIM, AK Datenaustausch und AK Baunebengewerbe. Um die Zukunftsthemen angemessen voranzutreiben, wären ein bis zwei neue Arbeitskreise sinnvoll. Konzepte dafür entwickeln wir derzeit im BVBS-Vorstand und werden im kommenden Jahr starten.

Der BVBS hat sich in den 27 Jahren seines Bestehens zu einem wichtigen Verband entwickelt und ist beispielsweise für den IT-Bereich alleiniger Ansprechpartner der Bauministerien. Viele unserer Mitgliedsunternehmen waren die Startups der 1970er- und 1980er-Jahre. Inzwischen sind viele von ihnen Marktführer in den jeweiligen Bereichen und einige Mitbegründer des BVBS sind auf dem Weg in den Ruhestand. Die Startups von heute beschäftigen sich mit anderen Themen als die „alten Hasen“. Die Jüngeren möchte ich gern mit ihren Ideen und ihrem Elan in den BVBS holen. Der Generationswechsel ist für den BVBS genauso eine Herausforderung wie für andere Verbände - dies möchte ich angehen.  

Computer Spezial: Software wird ein immer noch wichtigeres Arbeitsmittel im Bauwesen. Wohin könnte die Entwicklung gehen?

Dr. Ines Prokop: Mit der Digitalisierung werden bewährte Methoden durch neue abgelöst. Dies hat in einigen Bereichen schon zum Paradigmenwechsel geführt und wird noch zu weiteren führen. Ein Beispiel ist die Baustatik – über 150 Jahre wurden vereinfachte baustatische Modelle gebildet, um die Tragwerke berechenbar zu machen. Mit leistungsfähiger Hard- und Software sind die über Jahrzehnte gewohnten baustatischen Modelle nicht mehr zwingend für die Berechnungen erforderlich. Nahezu alles kann als 3D-FEM-Modell abgebildet und berechnet werden. Es ist oft eher eine Frage des Zeitaufwandes und der Effizienz. Für die Anwender wird noch viel mehr als schon jetzt der Ingenieurverstand essenziell, um die Ergebnisse der Softwareprogramme zu verstehen und richtig zu bewerten.  

Der Planungsprozess ist bereits recht weit digitalisiert, aber die Bauausführenden, insbesondere die kleineren Unternehmen, haben noch Nachholbedarf. Hier gibt es noch ein enormes Potential, durch Bausoftware die Prozesse zu optimieren. Eine wichtige Bedeutung hat dabei die künstliche Intelligenz. KI wird zukünftig mehr und mehr die Rolle eines intelligenten Assistenten übernehmen, beispielsweise beim Scan to BIM, beim Erfassen des Baufortschritts oder Prüfen der Baustellensicherheit, beim Filtern von Informationen und so weiter. 

In der Bauausführung wird zum Beispiel die Mixed-Reality-Technologie an Bedeutung gewinnen. Durch die Verknüpfung von realen mit virtuellen Objekten können auf der Baustelle Fertigungs- und Montageprozesse optimiert und Fehler vermieden werden. Meine Hoffnung ist, dass mit zunehmender Digitalisierung die Attraktivität der Braubranche steigt, was für die Nachwuchsgewinnung unabdinglich ist.

Computer Spezial: Wir möchten noch kurz einen Blick in die Zukunft werfen. Wie ist die aktuelle Lage zur BAU-IT im Rahmen der Messe BAU im Januar 2021 und wie stellt sich der BVBS dazu?

Dr. Ines Prokop: Mitte Oktober wurde entschieden, dass die BAU als Weltleitmesse für Architektur, Materialien und Systeme im nächsten Jahr als BAU Online 2021 durchgeführt wird. Da die Branche sich zu gern live getroffen hätte und der Sommer optimistisch stimmte, wurde recht lange am gewohnten Format festgehalten. Doch die aktuellen Covid-19-Entwicklungen zwangen zum Umdenken. Die jetzige Entscheidung ist vernünftig und richtig. Der BVBS bringt sich intensiv bei der Entwicklung des neuen Messeformates ein – denn die BVBS-Mitgliedsunternehmen sind die Experten, wenn es um die Digitalisierung geht.

Computer Spezial: Wir freuen uns auf eine intensive Zusammenarbeit mit Ihnen und wünschen Ihnen alles Gute mit Ihren neuen Aufgaben und viel Erfolg.

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