KI verändert die Planung – und den Wert von Wissen

Über neue Werkzeuge, Qualität und menschliche Kompetenz

Ist KI im Bauwesen schon reif für die Praxis? Ja, sagt Jan R. Krause – die Technik selbst ist es längst. Das eigentliche Problem bei der breiten KI-Einführung liegt damit woanders. Der Architekturprofessor und KI-Experte aus Bochum spricht im Interview über Büros, die sich selbst Agenten prompten, Studierende, die die KI zum Scheitern bringen sollen, und darüber, warum echtes Wissen im KI-Zeitalter eine Renaissance erlebt, statt überflüssig zu werden.

COMPUTER SPEZIAL (CS): Herr Krause, Sie beschäftigen sich seit mehreren Jahren intensiv mit KI im Bauwesen, haben erfolgreich mehrere KI-Kongresse an der Fachhochschule in Bochum umgesetzt und mit vielen Büros gesprochen. Wie schätzen Sie den Reifegrad von KI im Bauwesen ein?

Jan R. Krause: Ich finde viele Anwendungen schon richtig praxistauglich. Ich glaube, wir sprechen im Moment weniger über den Reifegrad der Technologie als über den Reifegrad der Anwenderinnen und Anwender. Und der ist sehr unterschiedlich ausgeprägt.

CS: Was meinen Sie damit? Etwa, dass die Leute noch nicht so weit sind?

Professor Jan R. Krause beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema KI in Forschung und Anwendung. Er sieht viele Anwendungen für das Bauwesen als absolut praxistauglich an. Eine zentrale Herausforderung ist damit nicht der Reifegrad der Technologie, sondern der Reifegrad bei den Anwenderinnen und Anwendern.
BIld: Ricardo Feldmann | AMM

Professor Jan R. Krause beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema KI in Forschung und Anwendung. Er sieht viele Anwendungen für das Bauwesen als absolut praxistauglich an. Eine zentrale Herausforderung ist damit nicht der Reifegrad der Technologie, sondern der Reifegrad bei den Anwenderinnen und Anwendern.
BIld: Ricardo Feldmann | AMM
Jan R. Krause: Ich bin natürlich neugierig auf diejenigen, die schon weit gekommen sind, um zu sehen, was heute schon geht – und was wir von ihnen lernen können. Ich erlebe aber, in Architektur wie im Journalismus, auch viele, die ganz am Anfang stehen – entweder aus berechtigter, ernstzunehmender Skepsis oder aus mangelnder digitaler Affinität. Unsere Studierenden bspw. spiegeln mir eine Orientierungslosigkeit aus der Schulzeit, geprägt vom verschulten Lernen. Sie haben alle seit November 2022, seit dem Start von „ChatGPT“, KI in der eigenen Hosentasche und arbeiten damit. Aber sie tun dies ohne Anleitung, ohne Orientierung. Da haben die Universitäten und Hochschulen im Moment viel nachzuholen: die Möglichkeiten einzuordnen und Orientierung zu geben, wozu sich die Technologie gut nutzen lässt und wo man besser analog und persönlich vorgeht.

CS: Ist es eine Frage der Größe, wie intensiv sich Architektur- bzw. Ingenieurbüros mit KI beschäftigen?

Jan R. Krause: Das habe ich zunächst auch gedacht und beobachtet, dass Büros wie MVRDV, Henn oder Herzog & de Meuron echte Spezialisten und eigene Abteilungen für digitale Transformation haben, die Infrastruktur bereitstellen und Trainings machen. Gleichzeitig erkennen aber auch viele kleine Büros, dass ihnen die KI helfen kann, Dinge zu leisten, die sie vorher in ihrer kleinen Organisationsstruktur nicht leisten konnten. Ich habe einige dieser Büros erlebt, die sich heute eigene KI-Tools und Agenten bauen und erfolgreich einsetzen. Das ist in den letzten vier Jahren und seit den ersten LLMs deutlich einfacher geworden. Es setzt aber digitale Affinität und eine gewisse Lust auf „Programmiererdenken“ voraus. Kurz gesagt: Es ist nicht mehr eine Frage der Bürogröße, sondern eine Frage des Zugangs. KI im Bauwesen – Marktgröße und Anteilsanalyse. Hier eine Prognose bis zum Jahr 2031.
Bild: Mordor Intelligence, „KI im Bauwesen – Marktgröße und Anteilsanalyse“

KI im Bauwesen – Marktgröße und Anteilsanalyse. Hier eine Prognose bis zum Jahr 2031.
Bild: Mordor Intelligence, „KI im Bauwesen – Marktgröße und Anteilsanalyse“

CS: Sehen Sie eine Differenzebene zwischen den Anforderungen in Planung und Umsetzung und dem, was KI-Tools den Bauprofis anbieten können? Gibt es Reibungspunkte oder undefinierte Stellen?

Jan R. Krause: Ich glaube, viele Architekturbüros haben ihr Anforderungsprofil für sich selbst noch nicht geklärt. Ohne zu überlegen, wo Aufgaben und Prozesse mit KI vereinfacht, beschleunigt oder qualitätssteigernd gestaltet werden könnten, ist das Ganze ein unsystematisches „Stochern im großen Teich der KI-Tools“. Es beginnt damit, sich sehr bewusst zu machen, wozu man das nutzen könnte, um dann gezielt nach dem passenden zu suchen. Auf der anderen Seite wissen auch Softwareanbieter oder KI-Entwickler selbst nicht immer, was gebraucht wird oder wie es bedient werden müsste, damit es für ein Architekturbüro niederschwellig nutzbar wird. Es gibt Tools, die von Architekten für Architekten entwickelt wurden – etwa „Syte“, ein cleveres Bewertungstool für Grundstückspotenziale –, bei denen eine deutlich bessere Benutzeroberfläche und Zugänglichkeit bei Begriffen, Grafik und Anwendungsmöglichkeiten erreicht wird, weil sie auf architektonisches Denken und Prozesse ausgerichtet sind.

CS: Wo sehen Sie den aktuellen Nutzwert im Arbeitsalltag, in den Architektur- und Ingenieurbüros und auch auf der Baustelle?

Jan R. Krause: Mir wird von den meisten Architekturbüros berichtet, dass der größte Nutzen in den hinteren Leistungsphasen liegt – Leistungsphase 6 bis 8, insbesondere Qualitäts- und Baustellenmanagement und Protokollierung. Das sind die Phasen, in denen viele am wenigsten effizient sind und häufig mehr Geld verlieren als verdienen. Bei den großen Büros sind das nicht selten die aufwendigsten Prozesse und größten Effizienzverluste. Mit einer gut gepflegten Datenbank kann dort wirtschaftlicher gearbeitet werden – etwa durch eigene Agenten oder gute Nutzung verfügbarer Tools, um Fehler zu vermeiden. Praxiseffekte von KI (nicht untereinander vergleichbar).
Bild: Mordor Intelligence, „KI im Bauwesen – Marktgröße und Anteilsanalyse“

Praxiseffekte von KI (nicht untereinander vergleichbar).
Bild: Mordor Intelligence, „KI im Bauwesen – Marktgröße und Anteilsanalyse“

Wir bekommen z. B. ein viel besseres Mängelmanagement hin, mit einem Sechs-Augen-Prinzip. Mir wurde von Björn Schreiter, einem Architekten aus Lünen, der sich seine KI-Infrastruktur komplett selbst gebaut hat, berichtet, dass er dieses Sechs-Augen-Prinzip eingeführt hat: Das Vier-Augen-Prinzip gab es schon immer, jetzt kommen zwei weitere „KI-Augen“ dazu, die Dokumente prüfen und Problempunkte erkennen helfen, die man übersehen hat – etwa beim Abgleich von Angeboten und Abrechnungen. Man entdeckt also Dinge, die man vorher übersehen hat. Das trägt zur Wirtschaftlichkeit bei, vor allem aber zu einer Qualitätssteigerung für die Auftraggeber. Wenn es uns gelingt, dem Auftraggeber klarzumachen, dass wir KI nicht nur zur Effizienz-, sondern zur Qualitätssteigerung einsetzen, ziehen wir daraus den größten Nutzen.

Es geht also nicht darum, die eigene Leistung zu schmälern und nur das halbe Honorar einfordern zu können – nach dem Motto „hat ja die KI gemacht“. Sondern es geht darum, unsere wertvolle Leistung und Gesamtverantwortung als Architektinnen und Architekten qualitativ abzusichern. Und als Treuhänder des Bauherrn ein gutes Ergebnis, aber auch einen guten Prozess zu liefern. Diese Prozessqualität wird den Bauherren ihr Geld wert sein. Bisher freuen sich alle über gute Ergebnisqualität. Sie sind aber mit der Prozessqualität in Planung und Realisierung oft nicht so zufrieden.

CS: Sie haben von Qualitätsmanagement in den höheren Leistungsphasen gesprochen. Sehen Sie noch weitere konkrete Entwicklungen, wo sich KI im Arbeitsalltag manifestieren wird?

Jan R. Krause: Qualitätsmanagement hat viele Ebenen: den Abgleich der Planung mit der VOB und der DIN, damit nichts übersehen wird, aber auch das Nachhaltigkeitsmanagement. Wir haben inzwischen eine Phase erreicht, in der Nachhaltigkeit ökonomisch und ökologisch messbar geworden ist. Damit können Entwurfsentscheidungen in der frühen Leistungsphase gleichzeitig mit ökonomischen und mit Umweltauswirkungen hinterlegt werden – Elemente, die wir in späten Phasen berücksichtigen müssen, aber schon früh im Projekt beantworten sollten.

In den Entwurfsphasen sehe ich zwei weitere Optionen: Erstens: KI als kreativer Sparringpartner. Wir fordern z. B. die KI im Selbstversuch und mit unseren Studierenden heraus, Fehler zu machen. Ein einfaches, anschauliches Beispiel: mit dem Prompt „erstelle ein Bild mit einem Pferd, das auf einem Menschen reitet“. Die KI dreht dann die Worte einfach um, weil sie Sinn und Reihenfolge nicht kennt. Man muss sie also im Prompting überlisten und erkennt dabei die Grenzen des Algorithmus. Gleichzeitig kommt man aber auch zu überraschenden Ergebnissen, die einem nicht in den Sinn gekommen wären. Zweitens: der Einsatz von KI in Partizipationsverfahren, etwa bei einer Quartiersentwicklung oder im Schulbau: KI-gestützt können mehr Bürgerstimmen und Sprachen direkt in die Prozesse einbezogen werden, weil nun eine schnelle Übersetzung möglich ist. Dennoch gilt stets: Wir müssen wissen, wonach wir suchen. Das braucht weiterhin planerische Erfahrung und architektonisches Denken. Praxis schlägt Theorie: Beim jährlichen AMM-Symposium an der Hochschule Bochum werden stets auch externe Partner eingebunden – hier z. B. Softwarespezialist Graphisoft –, um mit den Studierenden und Architektinnen und Architekten vor Ort in KI-Workshops neue Technologien zu erproben und diese gemeinsam zu bewerten.
BIld: Ricardo Feldmann | AMM

Praxis schlägt Theorie: Beim jährlichen AMM-Symposium an der Hochschule Bochum werden stets auch externe Partner eingebunden – hier z. B. Softwarespezialist Graphisoft –, um mit den Studierenden und Architektinnen und Architekten vor Ort in KI-Workshops neue Technologien zu erproben und diese gemeinsam zu bewerten.
BIld: Ricardo Feldmann | AMM

CS: Welche Tendenzen zeigen sich beim Umgang mit KI-Tools bei Lehrenden und Studierenden? Gibt es Gegenströmungen, Leute, die sich verweigern oder anders arbeiten wollen?

Jan R. Krause: Ich hatte zuerst befürchtet, dass es eine große KI-Euphorie gibt, die uns überrollt. Das scheint nicht der Fall zu sein – das kann auch mit der Studienwahl zu tun haben; Architektur ist ein soziales Studienfach, in dem es um Menschen geht. Ich erlebe eine gesunde Skepsis, teilweise ausgeprägte Vorbehalte gegen die großen Technologiekonzerne, die die KI-Entwicklung vorantreiben, und ein großes Bewusstsein für den Wert von Daten. Diese zweite Generation von „Digital Natives“ hat keine Lust mehr, ihre privaten Informationen und Daten einfach so herzugeben, und geht entsprechend sorgfältig auch mit Daten Dritter um, etwa denen von Auftraggebern. Nach vier Jahren, in denen wir uns an überperfekte Bilder und KI-Renderings gewöhnt haben, gibt es auch eine neue Lust auf das Unperfekte, das Rohe, das Schnitzen mit dem Cutter am Entwurfsmodell aus Finnpappe. Das fordern wir weiterhin ein. Die Studierenden gewinnen eine neue Lust am digital-analogen Arbeiten, um herauszufinden, was für welche Fragestellung am besten ist. Architektur ist etwas Dreidimensionales, reales – es geht um Bewegung im Raum, Lichteinfall, Dimension, den Umgang mit Umgebung und Bestand. Das bringt uns immer wieder in die analoge, in die echte Welt zurück.

CS: Wie gelingt dann letztlich in Zeiten digitaler Transformation die Verbindung von Wissenschaft und Praxis?

Jan R. Krause: Wir sind sehr interessiert am Austausch und Wissenstransfer mit Software-Unternehmen, Start-ups, den Anwendern und der Bauindustrie. Umgekehrt erleben wir auch eine große Neugier von deren Seite. Es gibt ein starkes Interesse daran zu erfahren, wie die neue Generation tickt und wie wir digitale Planungswerkzeuge und KI an der Hochschule in die Lehre integrieren. Dafür haben wir das Format der „Open University“ entwickelt: Bei unserem jährlichen AMM-Symposium an der Hochschule Bochum veranstalten wir mit externen Partnern, wie z. B. Graphisoft, KI-Workshops, in denen die Studierenden und praktizierende Architekten gemeinsam neue Technologien erproben und bewerten. Unsere Partner nutzen das, um Einblick in aktuelle Entwicklungen zu geben und sich wertvolles Feedback abzuholen. Und mehr noch: Um den Dialograum zu erweitern, nehmen wir unsere Partner auch mit auf externe Bühnen. So sprach Evelyn Lotter, Leiterin des Bereichs Education von Graphisoft, auf unserem KI-Panel auf dem Klimafestival in Berlin. Solche Kooperationen sind für alle Seiten sehr wertvoll.

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