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Wechselwirkung von Projektmanagement und Architektur

Wie lässt sich das Planen und Bauen in Deutschland konfliktfreier gestalten?

Die Wahrnehmung von externen Projektmanagern ist bei vielen Architekten immer noch von Skepsis geprägt. Warum sollte bei Bauvorhaben ein weiterer Experte hinzugezogen werden, der möglicherweise ihre Entscheidungsbefugnis beschneidet?

 

Carlsquartier, Düsseldorf; Projektsteuerung: aib GmbH; Entwurf: slapa oberholz pszczu-lny/ sop architekten | Quelle: sop/Immofinanz

 

Dabei können Bauherrn und Architekten von der Zusammenarbeit mit einem Projektmanager wesentlich profitieren. Erleichtert doch das Projektmanagement das schnelle, zielgerichtete Reagieren auf Veränderungen in komplexen Projekten durch notwendige Anpassungen der Steuerungsprozesse. Eine vorgelagerte Bedarfsplanung ist zudem entscheidend, um für mittelgroße und große Projekte die Sicherheit bei Konzept, Kosten und Terminen zu gewährleisten.

 

Im Gespräch mit dem Projektmanager Oliver Keil von aib und Wolfgang Marcour, Geschäftsführender Gesellschafter des Düsseldorfer Architekturbüros slapa oberholz pszczulny | sop architekten, werden die Möglichkeiten einer erfolgversprechenden Kooperation zwischen Architekt und Projektmanager ausgelotet, wie sie aib gemeinsam mit den Düsseldorfer Architekten von sop lebt. So werden komplexe Bauprojekte im partnerschaftlichen Miteinander erarbeitet und zugleich die immer noch verbreitete Auffassung vom Projektmanager als Gegenspieler des Architekten widerlegt.

 

CS: Herr Keil, lassen Sie uns mit einer Begriffsbestimmung beginnen. Im Gegensatz zur Bezeichnung Projektsteuerung benennen Sie Ihre Arbeit als Projektmanagement. Worin besteht für Sie der wesentliche Unterschied?

 

Oliver Keil: Projektmanagement verstehen wir als den Zusammenschluss von Projektsteuerung und Baumanagement. Wir sind ausgebildete und erfahrene Bauingenieure und Architekten und verbinden diese beiden Professionen in unseren Projekten eng miteinander. Damit können wir eine sehr hohe Effizienz in die Projekte bringen. Das Prinzip der interdisziplinären Arbeitsweise existiert schon lange. Aber in der speziellen Art und Weise, wie wir diese umsetzen, liegt der Schlüssel zum Projekterfolg. Als fachlich vermittelnde Instanz können wir so schon früh dazu beitragen, Konflikte im Verhältnis Architekt und Bauherr zu vermeiden. Bei Projektverläufen, die häufig einige Jahre dauern können, ist das extrem wichtig. Wenn man durch die richtigen Maßnahmen ein gutes vertrauensvolles Klima geschaffen hat, können auch schwierige Situationen gut gemeistert werden. Steuerung rein durch Abhaken von Checklisten funktioniert in meinen Augen nicht.

 

Wolfang Marcour | Quelle: sop architekten/B+E Fotografie

 

CS: Herr Marcour, wie betrachten Sie als Architekt diese Entwicklung? Ursprünglich gab es die Idee, dass ein Architekt einem Bauherrn ein Gebäude baut. Jetzt hat sich der Projektsteuerer gewissermaßen dazwischengeschoben.

 

Wolfgang Marcour: Es hat sich hier in der Tat eine Nische aufgetan, die aber von uns Architekten auch geöffnet wurde. Ähnlich wie beim Thema Nachhaltigkeit, bei dem wir ebenfalls Terrain freigegeben haben, bilden sich spezielle Gewerke heraus, die sich diesen Themen annehmen. Dadurch kann auch Konfliktpotential entstehen, da sich Architektur immer mehr unter verschiedenen Parteien auffasert. Andererseits sind die Bauaufgaben und Erwartungen von Bauherren heute so komplex, dass die damit verbundenen Herausforderungen immer größer werden.

 

CS: Von welchen spezifischen Leistungen profitieren Bauherren bzw. Kunden bei der Zusammenarbeit von Architekt und Projektmanager?

 

Oliver Keil: Häufig entstehen Schwierigkeiten in einem Bauprojekt bereits in der Phase der Mittelbeschaffung ohne Mitwirkung externer Fachleute. Bei nachgelagerter Einbindung eines Projektsteuerers stellt dieser dann bei einer ersten „Bedarfsermittlung“ fest, dass beispielsweise das Verhältnis von Kosten und Fläche nicht stimmt, oder bestimmte kostenintensive Bereiche und Nutzungen nicht ausreichend bewertet wurden. Bei jedem Projekt, das so abgewickelt wird, entsteht bereits zu Projektbeginn dieser eigentlich unnötige Konflikt und Kostendruck. Bei professioneller Durchführung der „Phase 0“ hingegen, wird das Projekt mit dem erforderlichen Nutzerbedarf und Projektzielen festgelegt. Der Architekt erhält somit eine bereits abgestimmte Messlatte der Projektziele und kann seine Planung nahtlos erstellen. Durch die zahlreiche Abwicklung eigener Projekte und die Verbindung von Generalplanung, Architektur, Innenarchitektur und Baumanagement bieten wir ein Projektmanagement mit hoher Planungs- und Realisierungskompetenz. Wir können damit in jeder Projektphase partnerschaftlich und auf Augenhöhe handeln: Architekten wissen es aus unserer Erfahrung sehr zu schätzen, dass wir „ihre Sprache“ sprechen und auch diffizile und komplexe Themen fachlich bewerten können. Wir funktionieren im Projekt wie eine Art Korrektiv zwischen Architekt und Bauherr und legen fest, welche Themen wann von wem in welcher Tiefe bearbeitet werden müssen.

 

CS: Herr Marcour, mit welchem Erwartungshorizont würde sop als großes Architekturbüro an einen Projektmanager herantreten?

 

Wolfgang Marcour: Wir bearbeiten vorwiegend sehr große Aufträge. Für uns steht und fällt ein gelungenes Projekt damit, einen Bauherrn mit einer guten Planungsabteilung zu haben, die ihr Geschäft versteht. Wenn der Bauherr das nicht leisten kann, sollte er unbedingt einem Projektmanager diese Aufgabe anvertrauen. Für uns ist es fatal, wenn es keinen Gesprächspartner auf Augenhöhe gibt. Wir brauchen das Verständnis für die Komplexität größerer Bauaufgaben.

 

CS: Das bedeutet im Umkehrschluss, dass man auch schlechte Erfahrungen mit einem Projektsteuerer machen kann.

Oliver Keil | Quelle: aib GmbH, Duisburg

Oliver Keil: Wenn Projektsteuerer sich besonders profilieren möchten und ihre eigenen Interessen vor die des Projektes stellen, dann führt das unausweichlich zu Konflikten. Aus der Sicht des Architekten oder übergeordneten Planers macht erst der Projekterfolg das Projekt auch wirklich sichtbar. Das funktioniert nur gemeinsam mit allen Beteiligten, insbesondere mit einem Projektsteuerer. Bei der Durchführung von Projekten können Sie keine Aufgabe weglassen, sondern nur delegieren. Je enger und verzahnter die Teams miteinander arbeiten, desto größer ist der Gesamterfolg.

 

CS: Woher kommt dann das immer noch verbreitete Bild vom Projektsteuerer als „Gegenspieler“ des Architekten?

 

Oliver Keil: Leider gibt es diese veraltete Einstellung immer noch. Wenn wir feststellen, dass eine Projektaufgabe oder Planung nicht in die richtige Richtung läuft bzw. die Projektziele verlassen werden, weisen wir den Architekten natürlich darauf hin und verlangen Maßnahmen zur Abhilfe. Wir teilen dies den Teams bzw. dem Architekten aber in einer Art und Weise mit, dass erstens die Sach- und Fachlichkeit gewährleistet ist und er zweitens die Chance hat, angemessen darauf zu reagieren. Mit der stets konstruktiven Kritik gibt es von uns immer einen fachlichen Vorschlag oder eine Ausführungsalternative statt plumper Zurückweisung. Dabei sehen wir den Projekterfolg nicht am Ende einer statischen Linie, sondern immer auch in leicht dynamischen Bewegungen, um die Planung im Sinne der Projektziele anpassen zu können. Mögliche enervierende Reibereien zwischen den Beteiligten können so frühzeitig antizipiert und vermieden werden. Fairness und ein partnerschaftlicher Umgang miteinander sind für uns entscheidende und gelebte Komponenten für den gemeinsamen Projekterfolg.

 

CS: Ist ein fairer und partnerschaftlicher Umgang im rauen Projektalltag mit Kosten- und Termindruck überhaupt möglich?

 

Wolfgang Marcour: Es gibt Projekte, die von Anfang bis Ende reibungslos und partnerschaftlich ablaufen. Wenn alle Beteiligten Spaß an der Arbeit haben, kommt das wiederum dem Gesamterfolg zugute. Diese positive Wechselwirkung hat vor allem mit den richtigen Rahmenbedingungen zu tun. Wenn die von Beginn an sauber formuliert werden, lassen sich falsche Erwartungen von vornherein ausschließen. Von den ersten Ideen bis zur Fertigstellung zieht sich ein Projekt schon mal drei bis vier Jahre hin. Man merkt dem Ergebnis meistens an, ob der Weg dorthin im gegenseitigen Verständnis oder vor allem konfrontativ vollzogen wurde.

 

CS: Wie kann das Projektmanagement Architekten konkret im Planungsprozess entlasten?

 

Oliver Keil: Wenn wir zu Beginn eines Projektes systematisch die Bedarfsermittlung mit dem Bauherrn erstellen, gewährleisten wir die Vorgabe von Projektzielen für den Architekten. Als neutrale Berater können wir auch unbequeme Fragen stellen und mögliche interne politische Verflechtungen „neutralisieren“. Das führt zur Vollständigkeit der Projektaufgabe und bildet die entscheidende Grundlage für die nachfolgenden Planungsteams. Eine bessere Grundlage können Architekten für die Entwurfsplanung nicht bekommen. Themen wie Werk- und Brandschutz, Sicherheit oder Emissionsschutz usw. werden in der Bedarfsplanung schon durchdacht und führen nicht im Nachhinein zu Problemen bei der Projektabwicklung. Änderungsprozesse werden damit entscheidend reduziert.

 

CS: Herr Keil, aib ist ein Planungsbüro, das Projektmanagement aus dem Erfahrungshorizont von Architekten und Ingenieuren anbietet. Wie wirkt sich diese Verzahnung unterschiedlicher Disziplinen im Planungsprozess aus?

 

Oliver Keil: Die Maßnahmen im Projekt werden von uns auch „planerisch“ begleitet, was eigentlich gar nicht die Aufgabe eines Projektsteuerers ist. Bei Bedarf sind wir in der Lage, knifflige Details gemeinsam mit dem Architekten zu lösen. Wir können mit diesem Ansatz in jeder Projektphase partnerschaftlich und auf Augenhöhe handeln und auch diffizile und komplexe Themen fachlich bewerten. Dabei sind wir immer integraler Bestandteil des gesamten Projektteams, strukturieren die Prozesse und sorgen für die rechtzeitige Herbeiführung von Entscheidungen – das schafft auf allen Seiten Entspannung und Sicherheit. Für den Architekten bringt das eine enorme Entlastung, weil er sich so ganz auf seinen Auftrag und die Planungstätigkeit konzentrieren kann. Für den Bauherrn entsteht eine Entlastung, weil er stets eine fachliche Beratung an seiner Seite hat.

 

CS: Wo sehen Sie die großen Herausforderungen für die Zukunft in einem sich verändernden und beschleunigenden Markt?

 

Oliver Keil: Für die Zukunft wird das große Themenfeld des Building Information Modeling (BIM) immer wichtiger. Die aus der Erstellung eines zentralen Models resultierende Konsequenz, d.h. das Prüfen von Ergebnissen und möglichen Konflikten in diesem Modell, muss man technisch beherrschen, um Projektprozesse weiterhin sicher zu steuern. Bei der Implementierung von BIM bei aib beziehen wir daher das Projektmanagement von Anfang an mit ein. Das ist ein enormer Mehrwert, denn die Erfahrung über die Planungsseite kommt auf diese Weise wieder zu uns zurück.

 

Wolfgang Marcour: Ähnlich wie CAD ist BIM ein Werkzeug für die Optimierung des Planungsprozesses. Es ist ein Hilfsmittel und eine Kalkulationsgrundlage zugleich, sollte aber nicht den Entwurf bestimmen. Für uns Architekten ist Entwerfen immer noch das Skizzieren einer Idee und die anschließende Prüfung deren Realisierbarkeit. Das hat zunächst viel mit Intuition und Bauchgefühl zu tun. Ich hoffe, dass BIM daran nichts ändern und zu bloßen standardisierten Lösungen in der Architektur führen wird. Es liegt an uns Architekten, das nicht aus der Hand zu geben und diese Entwicklung mitzugestalten.

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