Durchgängige AVA‑Workflows: Von 2D‑Mengen zu 3D‑BIM

BIM, IPA und integrierte Plattformen schaffen gemeinsame Datenbasis, reduzieren Konflikte bei Mengen, Kosten und Rechnungen

Das Bauwesen leidet zum Teil unter verzögerten Bauabläufen, Fragmentierung und manuellen Aufmaßen – mit Nachträgen, Mehrkosten und Streit als Dauerbegleiter. Digitale Kollaboration auf Basis von BIM, offenen Standards und integrierten Plattformen kann Konfliktstellen in nachvollziehbare Workflows verwandeln – von der Mengenermittlung bis zur rechtssicheren Abrechnung. Welche Schritte auch für KMU realistisch sind, zeigt dieser Beitrag.

Cloudbasierte Lösungen und standardisierte Schnittstellen erlauben es KMU, digitale Prozesse schrittweise einzuführen, ohne sofort einen radikalen Systemwechsel vornehmen zu müssen.
Bild: Softtech

Cloudbasierte Lösungen und standardisierte Schnittstellen erlauben es KMU, digitale Prozesse schrittweise einzuführen, ohne sofort einen radikalen Systemwechsel vornehmen zu müssen.
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Das Bauwesen gilt als eine der konfliktträchtigsten Branchen. Viele Projekte sind geprägt von fragmentierten Prozessen, unklaren Verantwortlichkeiten und gegenseitigem Misstrauen. Nicht selten endet das in der Suche nach dem Schuldigen: Fehler und Mehrkosten werden zwischen den Beteiligten hin- und hergeschoben, statt gemeinsam gelöst. Hinzu kommt eine oft schleppende Digitalisierung. Mengen- und Kostenermittlungen erfolgen vielerorts noch manuell: Pläne werden ausgedruckt, mit dem Dreikantmaßstab vermessen und in AVA-Programme übertragen – zeitintensiv und fehleranfällig.

Die digitale Transformation verspricht Abhilfe, stellt die Branche aber vor eine Kernfrage: Wie lässt sich eine über Jahre etablierte Arbeitslogik auf eine neue Stufe der Kollaboration heben? Und können insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU) diesen Wandel organisatorisch und wirtschaftlich bewältigen?

Kollaboration als Schlüssel

Alle Beteiligten arbeiten kollaborativ auf einer gemeinsamen Datenbasis, die sowohl Mengen als auch Leistungen eindeutig dokumentiert. Die Integration von E-Rechnungs-Standards und automatisierten Prüfmechanismen beschleunigt den Prozess und schafft eine rechtssichere Grundlage.
Bild: Softtech

Alle Beteiligten arbeiten kollaborativ auf einer gemeinsamen Datenbasis, die sowohl Mengen als auch Leistungen eindeutig dokumentiert. Die Integration von E-Rechnungs-Standards und automatisierten Prüfmechanismen beschleunigt den Prozess und schafft eine rechtssichere Grundlage.
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Echte Zusammenarbeit entlang des gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks – über alle Schnittstellen hinweg – ist ein zentraler Hebel. BIM-gestützte Modelle schaffen dafür eine „Single Source of Truth“: Alle Beteiligten greifen auf denselben Datenbestand zu. Das reduziert Interpretationsspielräume, Doppelarbeit und typische Konflikte rund um Mengen, Leistungen und Kosten. Wo früher Abgrenzung dominierte, kann so ein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein entstehen. Technik allein reicht jedoch nicht: Kollaboration braucht neue Arbeitsweisen, klare Regeln für Datenpflege und Freigaben sowie ein Mindset, das Transparenz als Vorteil begreift.

KMU im Spannungsfeld

KMU verfügen oft weder über die Ressourcen, komplexe BIM- oder Plattformlösungen eigenständig aufzubauen, noch über Spezialwissen, um neue Workflows dauerhaft zu schulen und zu verankern. Gleichzeitig sinken die Einstiegshürden: Cloudlösungen, standardisierte Schnittstellen und hybride Arbeitsweisen erlauben eine schrittweise Einführung, ohne sofort alles umzustellen. AVA-Programme wie „Avanti“ von Softtech, die sowohl 2D‑Mengenermittlung aus PDF-Plänen als auch 3D‑BIM-Workflows unterstützen, können eine Brücke zwischen traditioneller und modellbasierter Arbeitsweise bilden. Entscheidend ist eine realistische Roadmap: kleine Pilotprojekte, interne „Champions“ und gezielte Schulungen sind häufig wirksamer als der große Wurf. Die Frage lautet daher weniger, ob KMU den Wandel leisten können, sondern wie sich durch Kooperation und passende Tool-Auswahl Synergien erschließen lassen.

Integrierte Projektabwicklung (IPA) als Zukunftsmodell

Ein wirksamer Ansatz gegen die tradierte Fragmentierung ist die Integrierte Projektabwicklung (IPA). Sie setzt auf frühe Einbindung aller relevanten Akteure, Transparenz über Ziele, Kosten und Risiken sowie Anreizsysteme, die das gemeinsame Projektergebnis fördern statt Einzelinteressen. So lassen sich Planungsfehler, Nachträge und Reibungsverluste deutlich reduzieren. In den USA, Australien und Skandinavien ist IPA vielerorts etabliert; in Europa gilt Finnland als Vorreiter. In Deutschland gewinnt das Modell – bislang vor allem bei Großprojekten – an Relevanz.

Digitale Plattformen können IPA-Logiken auch für kleinere Bauaufgaben praktikabler machen. Wenn Kollaboration technisch und strukturell unterstützt wird, sinkt der Koordinationsaufwand, und Abstimmungen lassen sich teilweise auf weniger Präsenztermine reduzieren. Damit eröffnet sich auch für mittelständische Unternehmen mit begrenzten Kapazitäten die Chance, an integrierten Projektmodellen zu partizipieren.

Vom Konflikt zum Workflow – das Beispiel Abrechnung

Besonders sichtbar wird das Potenzial digitaler Plattformen in der Bauabrechnung. Kaum ein Prozess ist so konfliktbehaftet wie Erstellung, Prüfung und Freigabe von Rechnungen. Mengenabweichungen, unklare Aufmaße und unterschiedliche Interpretationen führen regelmäßig zu Verzögerungen und Streit. Plattformen wie „Grava connect“ von Softtech zeigen, wie sich diese Konfliktzone entschärfen lässt: Arbeiten alle Beteiligten auf einer gemeinsamen Datenbasis, werden Mengen und Leistungen eindeutig dokumentiert, kommentiert und mit Historie nachvollziehbar. In Verbindung mit E‑Rechnungs-Standards und automatisierten Prüfregeln wird der Prozess beschleunigt und erhält eine belastbare, rechtssichere Grundlage – ein wichtiger Baustein für Vertrauen.

Ein Planer übermittelt die aus dem BIM‑Modell abgeleiteten Mengen direkt über die Plattform an den ausführenden Unternehmer. Dieser prüft die Angaben im selben System, kann Rückfragen stellen, Abweichungen markieren und Anpassungen begründen. Statt einer konfliktreichen Übergabe entsteht ein gemeinsamer Arbeitsraum. Auch Unternehmer profitieren: Aufmaße lassen sich digital erfassen und von der prüfenden Stelle im Kontext derselben Daten validieren. Streit über Mengen oder Abrechnungseinheiten verliert an Schärfe, weil Informationen mit Versionshistorie im Projektzusammenhang vorliegen.

Conclusio – Plattformgedanke und Standardisierung als Wegbereiter

Die Zukunft der Bauwirtschaft liegt in integrierten Plattformen, die Prozesse durchgängig verzahnen. Offene Standards und Formate wie IFC, BCF, buildingSMART Data Dictionary (bSDD), Information Delivery Specification (IDS), GAEB oder die E‑Rechnung bilden das Fundament für digitale Ökosysteme. Standardisierung reduziert Medienbrüche und macht Daten zwischen Tools vergleichbar. Parallel konsolidiert sich der Softwaremarkt: Firmengruppen entwickeln Portfolios, die Planung, Ausschreibung, Abrechnung und Betrieb stärker integriert anbieten. Zugleich rückt der Lebenszyklusgedanke – inklusive Umnutzung und kreislaufgerechtem Bauen – stärker in den Fokus; zusätzliche Austauschformate werden in Forschungsprojekten erprobt.

Fazit

Der entscheidende Unterschied zu früheren Ansätzen liegt in der Qualität der Integration: Nicht die bloße Verbindung einzelner Tools, sondern die nahtlose Verzahnung ihrer Funktionen potenziert den Nutzen. Doch so wichtig Technik ist – der Schlüssel bleibt kulturell. Erst wenn Projektbeteiligte Muster des Misstrauens verlassen und den Projekterfolg gemeinsam priorisieren, werden Kollaboration, Transparenz und Effizienz zur gelebten Praxis. Für kleinere Büros sind daher neben Auswahl und Implementierung passender IT-Systeme auch Weiterbildungen – insbesondere für Führungskräfte – sinnvoll. Weil Verantwortung stärker über Gewerke hinweg gedacht wird, gewinnen Managementkompetenzen und Lean-Know-how an Bedeutung; im Unternehmen können sich sogar neue Rollen und Verantwortlichkeiten etablieren.

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