Baubranche 2026: Zwischen Auftrags-Unsicherheit und KI-Schub
Die Bauwirtschaft bleibt im Umbruch. Nach Jahren der Zurückhaltung zeigen sich im Jahr 2025 erste Anzeichen einer Stabilisierung, doch von Erholung kann noch keine Rede sein, heißt es von Ruth Schiffmann, Geschäftsführerin der Nevaris Bausoftware GmbH. Das minimale Umsatzwachstum von rund einem Prozent wirkt auf den ersten Blick ermutigend, tatsächlich dominieren weiterhin Unsicherheit und Zurückhaltung. Auftragsstornierungen, ausgesetzte Ausschreibungen und fehlende Investitionssicherheit belasten die Unternehmen. Es geht langsam aufwärts – aber noch zaghaft.
Akzeptanz für KI mittels Change Management
Gleichzeitig verändert ein anderer Faktor die Branche weit nachhaltiger: Digitalisierung und künstliche Intelligenz (KI). Wo früher nur einzelne Arbeitsschritte digitalisiert wurden, wird heute die ganze Prozesskette neu gedacht. KI eröffnet die Chance, Routinen zu automatisieren und Planungs‑, Kalkulations‑ und Ausführungsprozesse so zu gestalten, dass Fachkräfte gezielt entlastet werden. Das ist keine technische Spielerei, sondern eine Notwendigkeit in Zeiten des Fachkräftemangels.
Ruth Schiffmann, Geschäftsführerin der Nevaris Bausoftware GmbH.
Bild: Nevaris
Doch Technologie allein reicht nicht. Rund 95 % der KI-Projekte scheitern, weil Menschen nicht ausreichend mitgenommen werden. Die entscheidende Aufgabe liegt daher im Change Management – darin, Akzeptanz zu schaffen und Kompetenzen aufzubauen. KI darf den Menschen nicht ersetzen, sondern muss ihn unterstützen, betont Schiffmann. Dort, wo das gelingt, entsteht ein echter Produktivitätsschub: Wenn Aufgaben, die früher Tage dauerten, in Minuten erledigt sind, gewinnen Betriebe nicht nur Effizienz, sondern auch Zeit für Qualität und neue Aufträge.
Softwareanbieter spielen eine entscheidende Rolle dabei, Unternehmen auf dieser Transformationsreise zu begleiten. KI sollte kein isoliertes Projekt bleiben, sondern nativ in Softwarelösungen integriert sein. „Wir bei Nevaris durchlaufen die digitale Transformation selbst intensiver als unsere Kunden. Das Ziel sind Lösungen, die KI nahtlos in den Arbeitsalltag einbinden – etwa durch automatisierte Rechnungsprüfungen oder effiziente Kalkulationsprozesse. Auf der digitalBAU 2026 in Köln werden wir zeigen, wie wir künstliche Intelligenz in unsere Produkte integrieren“, sagt Schiffmann.
Cybersicherheit, Nachhaltigkeit und Open-BIM
Diese Veränderungen treffen auf ein Umfeld, das zunehmend durch Regularien geprägt ist. Der Cyber Resilience Act, NIS-2 und der EU AI Act zeigen: Rechtskonformität und Informationssicherheit werden zum Pflichtprogramm. Gerade kleinere Betriebe geraten hier unter Druck, denn die Anforderungen sind komplex. Sie dürfen nicht allein gelassen werden. Hersteller sind gefordert, Sicherheit und Rechtskonformität in ihren Lösungen zu gewährleisten. Wer Prozesse an professionelle Anbieter übergibt, arbeitet automatisch rechtssicherer. Der Markt wird sich weiter bereinigen – Anbieter ohne Zertifikate werden es schwer haben. „Als Teil der Nemetschek Group ist unser Unternehmen in diesem Punkt gut aufgestellt. Eigene Abteilungen kümmern sich um Informationssicherheit, Regularien und KI-Standards. Der Aufwand ist enorm – doch Rechtssicherheit und Vertrauen sind nicht verhandelbar“, sagt die Nevaris Geschäftsführerin.
Parallel tritt Nachhaltigkeit stärker denn je ins Zentrum wirtschaftlicher Entscheidungen. Für viele Unternehmen ist Nachhaltigkeit heute noch eine Haltungsfrage. Doch sie entwickelt sich zunehmend zum Wettbewerbsfaktor. Die Fähigkeit, ökologische Kennzahlen, wie CO2‑Emissionen, in Planung und Kalkulation einzubeziehen, schafft Transparenz und Glaubwürdigkeit. In der Kombination mit Wirtschaftlichkeitsdaten entsteht eine neue Sichtweise: Nachhaltigkeit wird messbar – und damit planbar. Das gilt auch für das Thema BIM, das derzeit in der Branche intensiv diskutiert wird. Entscheidend wird sein, die bestehenden Insellösungen aufzubrechen und auf Open-BIM zu setzen – auf Offenheit, Schnittstellen und Zusammenarbeit über Systemgrenzen hinweg. Nur so lässt sich das volle Potenzial digitaler Bauprozesse ausschöpfen.
Gemeinsame Schritte nach vorn
Unternehmen, die jetzt investieren, können trotz aller Unsicherheiten gestärkt in die kommenden Jahre gehen. Drei Handlungsfelder werden dabei besonders wichtig sein:
Digitalisierung und Automatisierung konsequent vorantreiben. Die Effizienzgewinne sind enorm, und sie schaffen Freiraum angesichts knapper Personalressourcen.
Nachhaltigkeit zum festen Bestandteil der Unternehmensstrategie machen. Sie entscheidet zunehmend über Wirtschaftlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit.
Compliance und Informationssicherheit ernst nehmen. Rechtssicherheit wird zum Schlüssel, um überhaupt am Markt teilzunehmen.
Was die Branche jetzt braucht, sind gemeinsame Schritte nach vorn – von Unternehmen, Verbänden und Politik gleichermaßen. Nur wenn alle Akteure Verantwortung übernehmen, kann aus der aktuellen Unsicherheit ein Aufbruch entstehen. Schiffmann: „Gemeinsam Zukunft bauen – mit dieser Haltung sollten wir ins Jahr 2026 starten und den zaghaften Aufwärtstrend in der Branche mit aller Energie in einen führenden Wachstumsfaktor für die Gesamtwirtschaft wandeln.“
