BIM als Grundlage zur integralen Umsetzung eines Wohnquartiers
Digitale Planung im Kontext von gefördertem Wohnungsbau
Mehr als 200 Wohnungen, eine Kindertagesstätte und zahlreiche Schnittstellen zwischen Architektur, Tragwerks- und TGA-Fachplanung: Beim Wohnquartier Truderinger Straße in München wird auf eine konsequent modellbasierte Arbeitsweise gesetzt. Digitale Prozesse unterstützen dabei die Koordination der Fachdisziplinen und schaffen die Grundlage für die Entwicklung zukunftsfähiger, inklusiver Quartiere.
Nicht immer führt ein gewonnener städtebaulicher Wettbewerb auch dazu, dass das verantwortliche Büro Teile des Quartiers selbst plant. An der Truderinger Straße im Osten Münchens ist dies der Fall: Dort entsteht gegenüber der bestehenden Eisenbahnersiedlung ein neues Wohnquartier mit rund 800 Wohnungen und einer Bruttogeschossfläche von ca. 21.000 m². Mehr als 200 davon sowie eine Kindertagesstätte und eine Tiefgarage mit 178 Stellplätzen plant das Münchner Architekturbüro 03 Arch.
Qualitäten im geförderten Wohnungsbau
Das Ensemble an der Truderinger Straße umfasst neben der Kita einen kleineren Anteil freifinanzierter und einen großen Anteil geförderter Wohnungen. Das städtebauliche Konzept, das öffentliche Erschließungsgassen und private Innenhöfe kombiniert, ermöglicht eine Integration in das städtische Gefüge – mit großer Eigenständigkeit und Wiedererkennung.
Besonderes Augenmerk wurde auf eine angemessene Reaktion auf örtliche Gegebenheiten und die Materialität der umgebenden Bauten gelegt. Angrenzend an eine ältere Wohnsiedlung orientiert sich der neue Entwurf in Bezug auf Gebäudelängen, Höhen und die Fassadengestaltung am vorgefundenen Bestand. Die bewusste Entscheidung für farbige Putzfassaden – typische Oberflächen für die Stadt München – in Kombination mit differenzierten Einzelthemen wie den Rollladenkästen mit roten Metallverblendungen und den Balkonlösungen unterstreicht überdies: Auch im geförderten Wohnungsbau lassen sich trotz begrenzter finanzieller Mittel hohe architektonische Qualitäten realisieren.
Eine zentrale Herausforderung im geförderten Wohnungsbau besteht darin, architektonische Qualität und Wirtschaftlichkeit miteinander zu verbinden. Gleichzeitig haben öffentliche Bauherren als Bestandshalter oft den Vorteil, dass sie nachhaltiger agieren und die langfristige Wirtschaftlichkeit über kurzfristige Einsparungen stellen. Diese Herangehensweise manifestiert sich auch in der Truderinger Straße bei der Wahl der Materialien, die auf eine möglichst lange Nutzungsdauer ausgelegt sind. Damit stehen öffentliche Bauherren im Gegensatz zu einigen privaten Investoren, die sich auf eine äußerst kostengünstige Herstellung fokussieren, weniger nachhaltige Materialien und Konstruktionen wählen und sich vor allem auf die gesetzliche Gewährleistung konzentrieren. „Die Weitsicht öffentlicher Bauherren ermöglicht es jedoch trotz finanzieller Restriktionen, Gebäude von bleibendem Wert zu schaffen“, stellt Verena Fridrich, Architektin und Geschäftsführerin von 03 Arch., heraus.
Kontinuierliche Evolution statt digitaler Revolution
Der Einsatz digitaler Planungswerkzeuge ist aus dem Arbeitsalltag von 03 Arch. nicht mehr wegzudenken. Obwohl traditionelle analoge Methoden wie die Erarbeitung physischer Modelle und das Skizzieren von Hand weiterhin zum Planungsprozess gehören, ist die Kombination und Ergänzung mit digitalen Werkzeugen ist ein fester Bestandteil der Arbeitsweise. Die Implementierung der modellbasierten Arbeitsweise mit BIM wird darum nicht als Ablösung, sondern vielmehr als notwendige Unterstützung und Erweiterung der eigenen und weiterhin bewährten Entwurfsmethoden verstanden.
Die Entscheidung, von ihrer über viele Jahre hinweg genutzten Planungssoftware auf „Archicad“ von Graphisoft umzusteigen, erwies sich dabei als strategische Weichenstellung. Denn das Büro wollte den Anforderungen der BIM-Methodik auf möglichst nutzerfreundliche Art gerecht werden. Das Projekt in der Truderinger Straße markierte den Übergang zum ersten vollumfänglich beauftragten BIM-Projekt bei 03 Arch. Es bot dadurch eine Versuchsplattform, um in enger Zusammenarbeit mit dem eigenen Team und den externen Fachplanern neue Arbeitsweisen und Metriken zu erproben und diese zu optimieren.
Die digitale Transformation des Büros ist aber nicht nur auf den Planungsprozess beschränkt. Insbesondere während der Corona-Pandemie und angesichts der damit einhergehenden, teils dezentralen Teamstrukturen, hat die Integration digitaler Tools und Projektmanagement-Plattformen einen erheblichen Schub gebracht. Das stetige Ausprobieren und Integrieren neuer digitaler Arbeitsmittel, sei es für die Modellierung, die Visualisierung oder die Auswertung von 3D-Datensätzen, ist ein fester Bestandteil der Bürophilosophie. Erklärtes Ziel bleibt, dass analoge und digitale Prozesse hier Hand in Hand gehen und sich gegenseitig ergänzen – keineswegs aber gegenseitig ersetzen.
BIM-Methode verankern
Das Projekt in der Truderinger Straße bietet mehrere Besonderheiten, die es von anderen Vorhaben in der Bürogeschichte abheben. Eine davon ist die Möglichkeit, ein Vorhaben auf der Grundlage des eigenen, zuvor gewonnenen städtebaulichen Wettbewerbs und Rahmenplans selbst umzusetzen. Es ermöglicht eine konsequente Übertragung der städtebaulichen Qualitäten in den gebauten Grundriss und kann so zur Qualität des Gesamtquartiers beitragen.
Ein weiteres Merkmal ist der explizite Wunsch der Auftraggeberin, die BIM-Methode im Planungsprozess des Neubauprojekts zu verankern. Anders als in der Praxis oft üblich, kam die Forderung einer modellbasierten Planung von der Auftraggeberin selbst. „Es war eine bewusste Entscheidung, um die Prozesse bei der Massenermittlung, in der Kostenkalkulation und in der Ausschreibung effizient und transparent zu gestalten. Ebenso waren die Vorteile in der Abstimmung mit allen an der Planung Beteiligten nicht von der Hand zu weisen. Interessanterweise war der Hauptgrund hierfür aber nicht die Nutzung des Modells für das Facility Management (FM) durch die spätere Nutzerin, die Münchner Wohnen, sondern vielmehr die Vorteile in der Projektumsetzung durch den Projektentwickler und Bauträger“, sagt Torben Römer, Projektleiter und BIM-Spezialist bei 03 Arch.
Dieser Umstand verdeutlicht eine bis heute bestehende Lücke beim BIM-Einsatz und in fast jedem Projekt: Die Vorteile der digitalen Planungsmethode BIM, für den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes und insbesondere im FM, werden noch immer nicht flächendeckend erkannt und genutzt. Obwohl die Vorteile eines digitalen Zwillings für den Gebäudebetrieb auf der Hand zu liegen scheinen, ist er in der Praxis noch Seltenheit – und das selbst bei großen kommunalen Wohnungsbaugesellschaften, die ihre Immobilien über Jahrzehnte im Bestand halten und erhalten.
Lösungen in integralem Planungsprozess
Eine weitere Besonderheit des Projekts Truderinger Straße ergibt sich nicht allein aus seiner Größe, sondern auch aus der Integration einer Kindertagesstätte. Diese zusätzliche Nutzung bedeutet höhere Anforderungen an die Haustechnik als im Wohnungsbau, darunter Lüftungssysteme, Küchentechnik oder erhöhter Brandschutz. Hinzu kamen nachträgliche Ergänzungen wie der Nachweis von Solarnutzung auf den Dächern oder die Integration eines separaten Traforaums. Diese Elemente erforderten umfangreiche, zusätzliche Leitungen mit großen Querschnitten oder die Einhaltung spezifischer Kreuzungsverbote.
Für die notwendigen Abstimmungen zwischen den Fachplanungen und dem Architekturbüro wurde ein detaillierter Prozess für die Schnittstellenkoordination entwickelt, der sich vorrangig an den VDI-Blättern zur BIM-Koordination orientierte. Wesentlich hierbei: Mit der Leistungsphase 3 waren bereits die „Voids“, also die digitalen Durchbrüche durch Decken und Wände, geplant, Flächen für die Haustechnik vorgesehen und die notwendigen „No-Go“-Zonen definiert. Das war eine wichtige Entscheidung, denn in dieser frühen Planungsphase entstand so die gewünschte Flexibilität im digitalen Modell, um später in der Leistungsphase 5 bis dahin nicht beplante Zonen detailliert auszuformulieren. In enger Zusammenarbeit mit Tragwerks- und TGA-Fachplanung schafften es 03 Arch. außerdem, zeitgleiche und gemeinsame Prüfläufe für die notwendigen Durchbrüche durch Objekt- und Tragwerksplanung abzuwickeln. Das beschleunigte den Abstimmungsprozess im Vergleich zu einem ähnlich komplexen, aber zweidimensional geplanten Gebäude erheblich. Die mit vielfältigen Maßnahmen erarbeitete Qualität führte schließlich dazu, dass sich in der Bauphase weit weniger Problempunkte bei der Leitungsführung der Haustechnik, mit der Statik und den Ausbaugewerken ergaben.
COMPUTER SPEZIAL fragt nach
Im folgenden Kurzinterview geben die Projektbeteiligten Verena Fridrich und Torben Römer Einblicke in den Einsatz von BIM sowie in die Zusammenarbeit während der Planung und Umsetzung.
COMPUTER SPEZIAL (CS): Frau Fridrich, was zeichnet das Bauvorhaben in der Truderinger Straße aus?
Verena Fridrich: Das Projekt ist bis auf das Haus für Kinder ein ausschließlich geförderter Wohnungsbau mit 201 Wohnungen und 21.000 m² Bruttogeschossfläche. Das Gesamtareal ist jedoch nicht vollständig gefördert, sondern der private Eigentümer hat damals im Rahmen eines städtebaulichen Wettbewerbs durch die Stadt München gewisse Anteile an geförderten Wohnungen nach den SoBoN-Regelungen (sozialgerechte Bodennutzung) eingefordert. Unser Projekt ist einer von mehreren Bauabschnitten auf dem Areal. Was den Entwurf selbst betrifft, so sind es ineinandergreifende C-förmige Blöcke mit angerartiger Erschließung und privaten Innenhöfen. Die Gebäudestruktur entspricht der klassischer Geschosswohnungsbauten – doch auf den Ort angepasst: Wir haben uns bei der Materialität und Farbgestaltung stark an der nördlich angrenzenden, älteren Siedlung orientiert, um das Ensemble bestmöglich in die vorhandenen Baustruktur einzupassen. Die größte Herausforderung im geförderten Wohnungsbau ist es aber, mit den begrenzten finanziellen Mitteln, die zur Verfügung stehen, eine hohe Qualität zu erzielen. Dank der nachhaltigen Denk- und Handlungsweise einer städtischen Nutzerin, dürfen wir aber gleichzeitig langlebige und qualitätsvolle Gebäude schaffen.
CS: Was sind die Herausforderungen, auch in Hinblick auf eine digitale Planung mit BIM?
Verena Fridrich: Eine Besonderheit dieses Bauvorhabens, die wir sehr schätzen, ist die Möglichkeit, ein Gebäude innerhalb eines städtebaulichen Rahmens zu realisieren, den wir selbst durch einen gewonnenen Wettbewerb geschaffen haben. Das ist für uns keineswegs der Alltag. Zudem war die Beauftragungssituation für die Truderinger Straße besonders: Es handelt sich um geförderten Wohnungsbau für die Münchner Wohnen, der über einen Bauträger, in dem Fall Bauwens, als Auftraggeber abgewickelt wird. Diese Konstellation war neu für uns. Was den Punkt BIM-Planung betrifft, war es der proaktive Wunsch der Auftraggeberin, damit zu arbeiten. Sie wollte es ausprobieren und hat uns dabei unterstützt, anstatt darauf zu warten, dass z. B. die Fachplaner diese Anforderung an uns stellen. Das ist eine Ausnahme, da die Anforderung „BIM-Planung“ bisher selten von den späteren Bestandshaltern kommen. Die modellbasierte Umsetzung in „Archicad“ wiederum half uns dabei, alle Schritte der integralen Planung im Projekt Truderinger Straße sowie die Planungskoordinierung gemeinsam und effizient mit den Beteiligten umzusetzen.
CS: Herr Römer, wie reagieren Sie auf die örtlichen Anforderungen – was Ihren Entwurf, die Konstruktion aber auch die notwendige Gebäudetechnik betrifft?
Torben Römer: Was die Haustechnik angeht, so hat die Münchner Wohnen sehr sauber ausgearbeitete Standards für die Ausstattung. So z. B. für ein Standardbad, was uns die Planung erheblich erleichtert hat. Die Komplexität erhöhte sich jedoch durch die Integration eines Hauses für Kinder, das ganz andere haustechnische Anforderungen, etwa bei der Raumlüftung und der Küchentechnik, mit sich bringt. Hinzu kamen die Nachweispflicht für eine Solarnutzung auf den Dächern und die Schaffung eines Traforaums, was große Querschnitte sowie komplexe Anforderungen an die damit verbundene Leitungsführung bedeutete. Darum war es wichtig, dass wir früh, in dem Fall in der Leistungsphase 3, die Durchbrüche in „Archicad“ mitplanten und die notwendigen „No-Go“-Zonen definierten. Dies erleichterte die spätere Detaillierung in der Leistungsphase 5 und erspart auf der Baustelle kostspielige Nacharbeiten aufgrund ungelöster Kollisionen.
