Kommentar

Covid-19-Pandemie verändert Planermarkt

Das Jahr 2020 wird weltweit in Erinnerung bleiben. Große Herausforderungen müssen durch die Covid-19-Pandemie gemeistert werden und die weitere Entwicklung und Folgen sind heute nicht abzusehen. Dieses Thema wird uns voraussichtlich auch noch lange begleiten.

Viele Branchen und breite Schichten der Bevölkerung kämpfen um die Existenz sowie den Erhalt von Gewohn­heiten. So unmittelbar und direkt war unsere Gesellschaft schon lang nicht mehr gefordert und dies führt uns unweigerlich zu dem Zitat von Charles Darwin: „Es ist nicht die stärkste Spezies die überlebt, auch nicht die intelligenteste, sondern eher diejenige, die am ehesten bereit ist, sich zu verändern.“

Rainer Trendelenburg sieht für die Planerbranche am Bau deutliche Folgen aus der Corona-Pandemie.
Foto: wiko Bausoftware

Rainer Trendelenburg sieht für die Planerbranche am Bau deutliche Folgen aus der Corona-Pandemie.
Foto: wiko Bausoftware

Theorie und Prosa? Betrachtet man die Auswirkungen der Pandemie auf den Architektur- und Ingenieurmarkt, kann man bereits einige wichtige Erkenntnisse gewinnen, die eine andere Wirklichkeit skizzieren.

Kurzfristige Auswirkung auf die Baubranche

Im Februar/März 2020 sahen sich die Unternehmen mit bisher nicht bekannten Aufgabenstellungen konfrontiert. Schnelles Handeln war gefordert und in vielen Branchen wurden in rasanter Geschwindigkeit Homeoffice-Arbeitsplätze geschaffen. Der Erhalt von Arbeitsplätzen hatte oberste Priorität und Architekten wie Ingenieure fragen sich noch heute: Wie geht es weiter?

In vielen größeren Büros wurde jedoch noch eine ganz andere Entwicklung losgetreten: Projekte wurden infrage gestellt oder gar gestoppt, gestern noch händeringend gesuchte Fachkräfte vorsichtshalber in Kurzarbeit geschickt. Der erste Lockdown stellte enorme Anforderungen an die Zusammenarbeit und die Präsenz auf der Baustelle.

Innerhalb kurzer Zeit wurde klar, dass die Baubranche eine der tragenden Stützen für die Stabilisierung innerhalb der Covid-19-Pandemie sein wird. Der Hauptverband der deutschen Bauindustrie rechnet immerhin mit einem gleichbleibenden Umsatz 2020 auf Vorjahresniveau.

Die Märkte verschieben sich, was in erster Linie die kleineren und nicht spezialisierten Büros vor eine knifflige Aufgabe stellt. Vor allem private Bauherren und Kommunen halten aktuell Investitionen zurück und reagieren sensibel auf finanzielle Risiken. Für viele große Ingenieurgesellschaften ergibt sich rasch ein anderes Bild. Auch wenn z.B. in der Industrie infolge der angespannten Lage viele Projekte infrage gestellt werden, ergeben sich schon kurzfristig ganz neue Chancen:

Große Konjunkturprogramme setzen auf Investitionen, von denen auch die Infrastruktur und der Ausbau des Verkehrs profitieren werden.

Der Wandel in der Automobilindustrie erfordert ebenfalls den Ausbau von zukunftsorientierten Technologien, Forschungs- und Fertigungskapazitäten.

Die Restrukturierungen im Gesundheitswesen werden auch in dieser Branche weitreichend sein – weit über die jetzige Lage hinaus.

Sicher lassen sich weitere Beispiele finden, denn eines ist klar: Die großen Büros reagierten bereits nach wenigen Wochen.

Die Konsolidierung im Planermarkt beschleunigt sich

Gespräche mit Führungskräften mehrerer großer Planungsbüros zeichnen folgendes Bild: Großen Planungsbüros bietet sich jetzt die Chance, Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt zu finden, die lange Zeit nicht verfügbar waren, weil sie zunehmend aus kleinen Büros ausscheiden. Zitat der Geschäftsführerin einer bekannten Planungsgesellschaft in NRW: „Wir wissen noch nicht, ob wir unbedingt wachsen, aber uns bietet sich mindestens die Chance, das Qualifikationsprofil unserer Belegschaft deutlich zu verbessern.“ Nüchterne Worte, aber offensichtlich ein brennendes Bedürfnis.

Auch die vor wenigen Jahren eingeleitete Konsolidierung am Planermarkt nimmt rasant zu. Dies ist für den Autor, als ERP-Softwarespezialist für Planer, sehr plakativ an der Entwicklung der Nutzerlizenzen bei den Großkunden und der Integration der aufgekauften Unternehmen erkennbar.

In den letzten Monaten hat eine Reihe von Planungsbüros zwischen 20 und 120 Mitarbeiter im Zuge der Unternehmensnachfolge ihre Büros an große Ingenieure und ausländische Investoren verkauft. Und dies dürfte erst der Anfang sein.

Der Dialog mit den Managern dieser Aufkäufer zeigt, dass die Kaufangebote weiter zunehmen und viele Übernahmen noch in der Phase der Due Dilligence sind. Diese Resonanz verschiedener Käufer hat gezeigt: Die Einkaufszettel sind prall gefüllt.

Die schwierige wirtschaftliche Gesamtlage wird zu einem Katalysator für die Veränderungsbereitschaft gegenüber Innovationen. 
Foto: Adobe Stock Images von Ndabcreativity

Die schwierige wirtschaftliche Gesamtlage wird zu einem Katalysator für die Veränderungsbereitschaft gegenüber Innovationen. 
Foto: Adobe Stock Images von Ndabcreativity

Die Digitalisierung der Planerbranche eilt voran

Im November 2019 hat Prof. Dr.-Ing. Joaquín Díaz bei den Anwendertagen der wiko Bausoftware die schwache Ertragslage der Bauindustrie dargelegt. Gründe hierfür sind nach Anga­ben des Hochschulprofessors für Bauinformatik und Nachhaltiges Bauen an der Technischen Hochschule Mittelhessen und Vorstandsvorsitzenden des BVBS – Bundesverband Bausoftware e.V. die mangelnde Investition in die Informatik und damit in die Verbesserung der Prozesse.

Während Handel und Industrie bis zu 15 % ihrer Umsätze in die Digitalisierung investieren, hinkt die konservative Bauindustrie wie auch der Planermarkt mit ca. 5 % hinterher.

So fällt Deutschland z.B. bei der Entwicklung der BIM-Methoden (Building Information Management), trotz der öffentlichen Förderung, im internationalen Wettbewerb immer noch erheblich ab.

Doch gerade auch Investitionen in die eigenen Geschäftsprozesse, wie z.B. ERP-Systeme, Dokumentenmanagement, Kollaborationsplattformen oder Knowledge Management, wurden in den meisten Ingenieurgesellschaften viele Jahre stark vernachlässigt.

Die veränderte Marktsituation durch die Covid-19-Pandemie hat hier zu merklichen Innovationsimpulsen geführt. Der erste Schritt war sicher die Basis für Homeoffices, Videokonferen­zen und den Zugriff auf die Büro­res­sour­cen sicherzustellen. Viele Büro­inhaber und -manager wurden hier zwangsläufig von einer neueren Generation von „Initatoren“ und Führungskräften überrollt, welche mit den neuen Technologien aufgewachsen ist.

Zudem verlangen rechtliche Anforderungen wie die GoBD und die DSGVO eine neue Form der Organisation und Infrastruktur. Die Einhaltung derer ist ein ernst zu nehmendes Thema in den Planungsbüros, da Verstoße zu empfindlichen Strafen führen können.

Nach langem Stillstand der Bausoft­warebranche hat vor allem die BIM-Technologie neue Impulse gegeben. Nun ist auch plötzlich und unerwartet die Nachfrage nach ERP- und Bürosoftwarelösungen sprunghaft gestiegen. Die ältere Generation beginnt, der Innovation, Digitalisierung und modernen Ansätzen Platz zu machen.

So ist die schwierige wirtschaftliche Gesamtlage nicht nur zu einer enormen Bürde, sondern auch jetzt schon zum Katalysator einer neuen Veränderungsbereitschaft von Innovationen geworden.

Der Schock hat zu einer Entwicklung geführt, welche den Markt und Wettbewerb weiter verändert. Mit neuer Dynamik werden Verlierer und Gewinner neu positioniert. Das staatliche Interesse, dass das Thema Digitalisierung weiter vorangetrieben wird, ist sehr groß. Der Standort Deutschland soll weiter auf zukunftsfähige Technologien setzen. Bundesweit und auf Landesebene stehen Programme sowie Finanzierungshilfen für die Digitalisierung der Wirtschaft zur Verfügung. Diese Chance sollten auch Architekten und Ingenieure rasch nutzen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.

Bis der Veränderungsprozess erste Erfolge erzielen kann, wird es noch eine Zeit dauern. Der Branche muss man erst einmal die Möglichkeit geben, sich an die neuen Voraussetzungen zu gewöhnen, ohne dabei die sich bietenden Chancen liegen zu lassen.

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