Warum BIM-Projekte standardisierte Informationsregeln benötigen
Interview mit Dr. Volker Krieger über den Nutzen der ISO 19650, Teil 4 und der CEN/TR 18093Fehlende oder uneinheitliche Informationsregeln gehören zu den maßgeblichen Ursachen für Reibungsverluste in BIM-Projekten. Die Normreihe ISO 19650 standardisiert das Informationsmanagement mit BIM über den Lebenszyklus von Bauwerken und Assets, zum Beispiel in Bezug auf Informationsanforderungen (EIR), den BIM-Abwicklungsplan (BEP) und Common Data Environments (CDE). Im Gespräch erklärt Dr. Volker Krieger, Vorsitzender des DIN-Spiegelausschusses für die ISO 19650, welchen Beitrag der Teil 4 der ISO 19650 zum besseren Gelingen von BIM-Projekten leistet.
BVBS: Herr Dr. Krieger, Teil 4 der ISO 19650 zielt darauf ab, die Zusammenarbeit in BIM-Projekten zu verbessern und Fehlerrisiken zu reduzieren. Wie setzt die Norm diese Ziele in der Praxis um?
Dr. Volker Krieger, Vorsitzender des DIN-Spiegelausschusses für die ISO 19650.
Bild: Dr. Volker Krieger
Volker Krieger: Die ISO 19650-4 definiert den Informationsaustausch in BIM-Projekten eindeutig. Sie beschäftigt sich also mit der Frage, wie Informationen zwischen Baubeteiligten strukturiert bereitgestellt und geprüft werden können. Das klingt einfach, ist in der Praxis aber sehr komplex: Beispielsweise werden Fachmodelle in Informationscontainern sowohl von Menschen als auch von Maschinen verarbeitet und müssen über den gesamten Lebenszyklus eines Bauobjekts korrekt, vollständig und nachvollziehbar bleiben. Sie benutzt dabei das in der ISO 19650 eingeführte abstrakte Konzept des Informationscontainers – sozusagen ein in sich abgeschlossenes Behältnis für jegliche Art von Information.
BVBS: Warum ist es notwendig, diesem Thema einen eigenen Normteil zu widmen?
Volker Krieger: Der funktionierende Informationsaustausch ist essentiell für den Erfolg von BIM-Prozessen. Ohne klare Regeln entstehen folgenschwere Missverständnisse, Medienbrüche oder Datenverluste. Die ISO 19650 Teil 4 schafft ein gemeinsames Verständnis dafür, welche Workflows Informationscontainer durchlaufen sollen. Teil 1 der ISO 19650 beschreibt die vier Zustände eines Informationscontainers „in Bearbeitung“, „geteilt“, „veröffentlicht“ und „archiviert“. Teil 4 knüpft direkt daran an und regelt, wann ein Informationscontainer in den nächsten Zustand übergehen darf und was dafür geprüft werden muss.
BVBS: Nach welchen Kriterien wird der Informationsaustausch geprüft?
Volker Krieger: Die Kriterien gliedern sich in sieben Kategorien. Dazu gehören beispielsweise das Prüfen der Anforderungen an die CDE, der Konformität mit dem Austauschschema und die Vollständigkeit hinsichtlich der vereinbarten Informationsbedarfstiefe, des sogenannten Level of Information Need (LOIN). Die Prüfung kann personell oder automatisiert durch Software oder KI-gestützt erfolgen. Neben dem Prüfer unterscheidet die Norm den Informationsbereitsteller und den Informationsempfänger. Beispielsweise kann ein Planer bei der Ausarbeitung eines detaillierten Vorschlags in der Phase der Ausführungsplanung ein Informationsbereitsteller sein, während er vor der Freigabe aus dem Status „in Bearbeitung“ die Rolle des Prüfers einnimmt.
BVBS: Wie ist der aktuelle Stand der Standardisierung?
Volker Krieger: Die ISO 19650-4 ist als internationale und europäische Norm veröffentlicht und anwendbar. Parallel dazu entsteht eine EN-Norm für ein „CDE Application Framework“, eine Rahmenarchitektur für die Nutzung von Common Data Environments. Ihre konzeptionelle Grundlage ist der Technische Bericht CEN/TR 18093. Die CDE ist der zentrale organisatorische Rahmen für den Informationsaustausch in BIM-Projekten und damit ein grundlegendes Organisationsprinzip, um komplexe Daten auch über lange Zeiträume zu verwalten, zu prüfen und zu archivieren. Der Technische Bericht ergänzt die ISO 19650, konkretisiert ihre Grundsätze und überträgt sie in die Praxis. Besonders hilfreich ist das dort beschriebene Schichtenkonzept, da es für CDE mehrere logische Ebenen in Anlehnung an die genannten Status der ISO unterscheidet. So erkennen die Beteiligten besser, wer welche Daten zu welchem Zeitpunkt nutzen oder bearbeiten darf.
BVBS: Warum ist für alle Beteiligten der Wertschöpfungskette Bau wichtig, die ISO 19650-4 zu berücksichtigen?
Volker Krieger: Für die Praxis gilt: Wer ISO-19650-konform arbeitet und entsprechende Softwarelösungen einsetzt, profitiert von standardisierten Workflows, besserer Datenqualität und geringeren Abstimmungsaufwänden. Wer ISO-19650-konform spricht, wird verstanden und es gibt keine Zweideutigkeit hinsichtlich Informationsprodukten und -prozessen. Die Norm ist zusammen mit dem CEN/TR 18093 für alle Beteiligten der Wertschöpfungskette direkt nutzbar – von Planern über Ausführende bis zu Eigentümern.
